Zeitgenössische Kunst Serbien

19.07.2006 - Ausschnitt aus: Suzana Milevska, Die inszenierte (Un)Sichtbarkeit

Suzana Milevska
Die inszenierte (Un)Sichtbarkeit

[01_2005]
Ausschnitt aus: http://www.republicart.net/disc/artsabotage/milevska01_de.htm

"...Deshalb ist die Unsichtbarkeit als eine bewusste künstlerische Praxis von Anfang an etwas Paradoxes – sie kann keine Strategie sein, die von KünstlerInnen zum Schutz ihrer Integrität oder für die Abschirmung ihrer Ideen gegenüber den Zentren der Macht forciert wird. Im Gegensatz zu einigen riskanten Kunstaktionen und konzepten, die reale Gefahren für ihre AutorInnen mit sich bringen, gibt es oftmals eine Art heimlicher Agenda unter KünstlerInnen oder Möchtegern AktivistInnen: sie ist nicht selten heuchlerisch kalkuliert und zielt darauf ab, die auf Neugier und Erwartung beruhende Energie von Betrachtern auszu-beuten.

Ich möchte kritisch über bestimmte KünstlerInnen und speziell über einige künstlerische Gruppen reflektieren, die mit diesen Strategien liebäugeln, um die begehrte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sobald sie bereit sind, die klandestinen Identitäten ihrer individuellen Mitglieder zu enthüllen, die zuvor unter der Entschuldigung einer hypothetischen Gefahr verdeckt gehalten wurden, legen sie ihre Strategien offen und erlauben es, deren Rafinesse in Frage zu stellen. Dieses Paradox kann am Fall des slowenischen Kunstkollektivs IRWIN von Beginn ihrer Karriere an erforscht werden, oder am Fall von Zampa di Leone (nach wie vor unbekannte/r AutorIn/nen einer künstlerischen Website aus Serbien und Montenegro).
Es handelt sich dabei um einige der wichtigsten Beispiele einer solchen Investition in Unsichtbarkeit im Sinne eines Prozesses, der zu einem unvermeidlich raschen Erfolg führt.

Zampa di Leones Comics-Website Im Arsch des Balkan 2000-2005 verspottet KünstlerInnen und Projekte, darunter bekannte wie die der erfolgreichen Gruppe IRWIN, oder KünstlerInnen wie Tanja Ostojic, Milica Tomic und Uros Djuric bzw. KuratorInnen wie Marina Grzinic und Branko Dimitrijevic. Sie zielt auf eine kulturelle Kritik der Repräsentation der Kunstszene des Balkan in einem westlichen Kunstkontext. Ihre Zeichnungen und ihre Sprache bemühen sich um eine Art subversiven Aktivismus, es lässt sich jedoch eine gewisse Ambiguität in der Haltung erkennen, die Zampa di Leone gegenüber dem Aktivismus einnimmt. Obwohl sie schreiben, dass Im Arsch des Balkan "von dem Phänomen des kulturellen Aktivismus und der künstlerischen Praktiken in der Region des Westbalkan und in Europa in der letzten halben Dekade handelt"(8) , wird ihr ironischer Zugang gegenüber dem Aktivismus in anderen Texten deutlich. Dem klandestinen Autor zufolge erfüllt die Website ihre Mission mit jeder Veränderung der lokalen Situation. Der Begriff des Wandels ist in jedem Fall eng mit dem des Aktivismus verbunden. Es ist offensichtlich, dass nicht das Politische generell Zielscheibe dieses Projekts darstellt, sondern die Kunstpolitik der Kunstszene Serbiens und des Balkans.

Es stellt sich die Frage, ob die Anonymität von KünstlerInnen wirklich notwendig ist und worin die Gefahr besteht, die das Projekt oder die dahinter stehenden KünstlerInnen bedrohen würde. Offensichtlich kann in diesem Fall nur eine einzige Gefahr ausgemacht werden, nämlich die, dass das Projekt nicht in die Art von Ausstellungen aufgenommen wird, die in den Comics vehement kritisiert wurden. Sollten wir den KünstlerInnen Glauben schenken, dass es bereits 10.000 Besucher der Website gab: wahrscheinlich hatte keine der kritisierten Ausstellungen ein dermaßen großes Publikum. Jede Art von Urteil oder Rechtfertigung der Effekte dieser ambivalenten Strategie ist schwierig und problematisch.

Diese ausagierte Dissidentenschaft unter KünstlerInnen stellt ein wohlbekanntes Phänomen in Osteuropa dar. Es verdankt sich den komplexen kulturellen Bedingungen in den kommunistischen und post-kommunistischen Perioden, in denen es schwierig war, zwischen realer und inszenierter Gefahr zu unterscheiden. Die bekannte Aussage von Ranciere, dass es sich bei politischer Kunst immer um eine spezifische Aushandlung nicht zwischen Politik und Kunst, sondern zwischen den zwei Politiken des Ästhetischen handelt – oder die Deleuzianische Behauptung, dass ein wichtiges Merkmal der kleinen Literaturen darin besteht, dass alles in ihnen politisch ist, zählte zur besten Erfahrung unter KünstlerInnen in Osteuropa. Ob abstrakt oder realistisch, jede Kunst von nicht- kommunistischen KünstlerInnen konnte als gegen das kommunistische Regime gerichtet interpretiert werden, eine Interpretation, die sehr ähnlich klingt wie "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns"...."

(8) Zampa di Leone, „In the Arse of the Balkans 2000-2005". http://zampa.various-euro.com

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